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SoSe2010 „Brennpunkte der kritischen Rezeption afrikanischer und lateinamerikanischer Literaturen“: Im Zuge der Prüfungsvorbereitung hatte ich für dieses Seminar nochmal einige der Themenschwerpunkte zusammengefasst. Dies sind zwar nur Stichpunkte und noch lückenhafter als vieles andere, aber hoffentlich ein guter Einstieg in die Thematiken. Heute: Postkolonialismus/ Postkoloniale Theore.

Was Moderne als Paradigma für lateinamerikanische Literaturen ist, ist Postkolonialismus für die afrikanischen. In meiner Zusammenfassung werde ich zu erst den Begriff oberflächlich klären (Alles andere ist auch schwer möglich, da Definitionen weit variieren) und dann auf eine Vielzahl von Texten eingehen.

Was bedeutet Postkolonialismus?

  • Begriff aus den Geschichtswissenschaften, Politikwissenschaften und Kulturwissenschaften
  • Besonders stark im anglophonen Bereich
  • Einflüsse zur Entstehung und verstärkten Verbreitung
    • Post-Strukturalismus in den Geisteswissenschaften (Foucault)
    • Nationale Identitäten in den ehemaligen Kolonien in Frage gestellt (z.B. durch ökonomische oder politische Hintergründe)
    • Ende des Kalten Krieges
  • Postkolonialismus weniger im frankophonen Bereich angenommen, vielleicht aufgrund einer starken Zentralisierung und einem bis heute anhaltenden starken Chauvinismus
  • Bis vor kurzem in den Lateinamerikastudien keinen direkten Bezug auf Postkolonialismus, da als anglophones Konzept abgelehnt (Moderne/Postmoderne wichtigeres Paradigma)

Vijay Mishra & Bob Hodge: „What is post(-)colonialism?“

  • Beziehen sich viel auf „The Empire Writes back“ (EWB)
  • Postcolonialism löst die Idee der „Commonwealth literature“ ab, diese Kategorie hat einige Vorteile:
    • Politik der Opposition und Widerstand werden in den Vordergrund gerückt
    • Problematisiert die Schlüsselbeziehung zwischen Peripherie und Metropole
    • Hat die Vorrangstellung des Kanons angegriffen und seine Standards
  • Entwicklung der Begriffsbedeutung
    • Erstmals Verwendung in den 1950er mit Bezug auf Indien; Bedeutung: „nach der Kolonisation“
    • EWB fokussiert auf die Beziehung Peripherie und Zentrum – diese kann durchaus doppelbödig sein! (siehe auch Titel, Salman Rushdie)
    • „post“ bedeutet nicht, dass es abgeschlossen ist
    • Gegen-Diskurs
    • Unterscheiden post-colonialism (zeitlicher Aspekt) und postcolonialism (kritische Theorie)
  • Wichtig Zusammenhang zwischen Postmoderne und Postkolonialismus zu sehen
  • Sollte nicht die Vielfältigen Unterschiede der kolonialen Erfahrung überdecken (vor allem zwischen Siedler- und Nicht-Siedler-Kolonien)

Russell G. Hamilton: „European Transplants, Amerindian In-laws, African Settlers, Brazilian Creoles: A Unique Colonial and Postcolonial Condition in Latin American.“

  • These: Brasilien ganz spezielle Konditionen in der Kolonialzeit und damit auch anschließend
  • Frage, ob trotzdem die Theorie von Postkolonialismus auf Brasilien anzuwenden ist
  • Für Hamilton bedeutet der „postkoloniale Blick“ ganz allgemein, dass man zwar zukunftsgerichtet sich fortbewege, aber den Blick auf die Kolonialzeit oder die vorkoloniale Zeit richte
  • Dieser Fokus sei auch für Brasilien möglich und fruchtbar anwendbar

Michael Chapman „Postcolonialism: A Literary Turn“

  • „literary turn“: These, dass eine Diskurserweiterung des Postkolonialismus auf die Literatur(-wissenschaft) nicht nur sinnvoll sondern notwendig ist
  • Zwei Begründungen für diese These:
    • paradoxen Zustand der aktuellen postkolonialen Debatte
    • spezifischen Beschaffenheit von Literatur, nämlich ihrer Eigenständigkeit als ein „cultural product [which] is rarely self-contained by the culture“
  • in der intensiven Auseinandersetzung mit der afrikanischen Literatur (jenseits des Kanons) liegt nach Chapman das Instrument einen realistischen, differenzierten und fruchtbaren postkolonialen Diskurs zu etablieren
  • möglich der Literatur neue Erklärungs- und Verständnisansätze zu entnehmen und den postkolonialen Diskurs nicht weiterhin abstrakt von (westlichen) Wissenschaftler führen lassen

Anne McClintock: „The Angel of Progress: Pitfalls of the Term ‚Post-colonialism’.“

  • These, dass wir uns in einem historisch leeren Raum befinden, in dem es nur den Blick auf vergangene Zeiten > zeigt sich an der vielfachen Verwendung von „post“
  • signalisiert eine Krise in der vorherrschenden, das westliche Denken durchdringenden Vorstellung eines linearen, immer weitergehenden Fortschritts in der Geschichte, denn post bedeutet das Ende einer Ära, oder genauer, den Zustand ‚danach’
  • Kritik am Begriff „Postkolonialismus“
    • binäre Opposition von Kolonisierenden und Kolonialisierten durch die Verwendung der Begriffe kolonial und postkolonial nicht überwunden, sondern auf eine temporale, ebenfalls binär strukturierte Achse verschoben
    • Begriff an sich hat einen eurozentrischen Fokus, das mit dem Bezug auf „kolonial“, die europäischen Mächte als Ausgangspunkt genutzt werden
    • Gefahr, dass Prozesse etc. zu sehr vereinfacht werden und Unterschiede zwischen den ehemaligen Kolonien nicht betrachtet werden
    • Der Begriff suggeriert einen historischen Bruch, der in der Absolutheit nicht stattgefunden hat
    • Kritik am postkolonialen Diskurs: Nichtbeachtung der Genderprobelmatik

Eberhard Kreutzer: „Theoretische Grundlagen postkolonialer Literaturkritik.“

  • Gibt allgemeinen Überblick zu Postkolonialismus
  • Begrifflichkeit
    • Inflationärer Gebrauch der Silbe „post-“
      • „post“ als jenseits, aber nicht als abgeschlossen
      • Im historischen Kontext: nach Unabhängigkeit
    • Bezugspunkt: Auflösung der Kolonialreiche
    • Postkoloniale Kulturkritik: Instrument, um Verflechtungen aufzuzeigen, kulturelle Prozesse thematisiert
    • Gegenstandsbereich: indirekt oder direkt Bezug auf Kolonien (Begriff sehr weit)
    • 2 Hauptansätze:
      • Analyse des Diskurses
      • Analyse der englischen Literatur der ehemaligen Kolonien, die anti-imperialistisch ist
  • Repräsentanten
  • Probleme
    • Postcolonial eher Behelfsbegriff
    • Gegenvorschlag: Multikulturalität

Frank Schulze-Engler: „Commonwealth-Literatur, neue englischsprachige Literaturen und Postkolonialismus. Anglistische Perspektiven zur afrikanischen Literatur.“

  • Überblick über die Rolle afrikanischer Literatur in der deutschen Anglizistik
  • Neue Richtung 1960er-1980er: „Commonwealth Literature“
    • Eurozentrismus sollte ausgeräumt werden
    • Kanon sollte aufgebrochen werden
    • Positiv
      • Afrikanische Literatur wurde als moderne Literatur aufgefasst
    • Negativ
      • Aufgrund mangelnder Afrika-Kenntnisse geht Intertextualität verloren
      • Commonwealth fokussiert weiterhin England als „Stamm“
      • Geographisches/ politisches Problem: Was ist mit Autoren, die Englisch schreiben, aber nicht aus dem Commonwealth stammen?
  • Seit der 1980er Jahre: Postkolonialismus
    • Von Beginn an uneinheitlicher Begriff
    • Bei Schulze-Engler 5 Definitionen
      • Theorierichtung
      • Bezug auf Region
      • Politische Haltung
      • Wissenschaftliche Disziplin
      • Alltäglicher Gebrauch (Mischform aus den vorherigen)
    • 3 Kernbereiche Postkolonialer Theorie
      • Theorien kultureller Hybridität
      • Analyse von Kolonialdiskursen
      • „writing-back“-Paradigma
    • Schulze-Engler hat auch an diesen Kernbereichen Kritikpunkte
      • Hybridität: bei Bhabha wird auch dabei die Metropole in das Zentrum gerückt
      • Diskurs: Kritik am foucaultschen Diskursbegriff, da dieser keine Kritik an „falschen“ Diskursen zulässt
      • „writing-back“: Nimmt an, dass es eine globale gleiche Kolonialerfahrung gibt
  • Postkolonialismus ist vor allem ein Diskurs westlicher Wissenschaftler
  • In modernen afrikanischen Literaturen gibt es auch andere Thematiken

Literatur

Vijay Mishra & Bob Hodge: „What is post(-)colonialism?“ In: Textual Practice, 5, 3, 1991, 399-414.

Amaryll Chanady: „The Latin American Postcolonialism Debate in a Comparative Context.“ In: Coloniality at Large (s. Handapparat), 417-434.

Russell G. Hamilton: „European Transplants, Amerindian In-laws, African Settlers, Brazilian Creoles: A Unique Colonial and Postcolonial Condition in Latin American.“ In: Coloniality at Large (s. Handapparat), 113-129.

Michael Chapman: „Postcolonialism: A Literary Turn.“ English in Africa (33, 2) 2006, 7-20.

Anne McClintock: „The Angel of Progress: Pitfalls of the Term ‚Post-colonialism’.“ In: African Literature. An Anthology (s. Handapparat), 628-636.

Flora Veit-Wild: „Karneval und Kakerlaken. Postkolonialismus in der afrikanischen Literatur.“ Antrittsvorlesung, Humboldt-Universität zu Berlin, 8. Februar 1995.

Michael Chapman: „Postcolonial Studies. A Spiritual Turn.“ Current Writing  (20, 2) 2008, 67-76.

Román de la Campa: „Postcolonial Sensibility, Latin America, and the Question of Literature.“ In: Coloniality at Large (s. Handapparat), 435-458.

Frank Schulze-Engler: „Commonwealth-Literatur, neue englischsprachige Literaturen und Postkolonialismus. Anglistische Perspektiven zur afrikanischen Literatur.“ Nicht nur Mythen und Märchen: Afrika-Literaturwissenschaft als Herausforderung, F. Veit-Wild (ed.), Trier, WVT, 2003, 171-196.

Eberhard Kreutzer: „Theoretische Grundlagen postkolonialer Literaturkritik.“ In: Literaturwissenschaftliche Theorien, Modelle und Methoden, Ansgar Nünning (ed), Trier, wvb, 1995, 199-213.

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2 Kommentare zu “Postkolonialismus/ Postkoloniale Theorie

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