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SoSe2010 „Brennpunkte der kristischen Rezeption afrikanischer und lateinamerikanischer Literaturen“: Postkolonialismus ist ein Begriff und Theoriekomplex, welcher sich vor allem in der anglophonen Wissenschaftssphäre entwickelt hat und in erster Linie auf Afrika und Teile Asiens angewendet wurde/ wird. Hier rezensiere ich einen Beitrag von Russell G. Hamilton zusammen, in dem er diskutiert, ob Theorien zu Postkolonialismus auch für Brasilien relevant sind.

Russel G. Hamilton ist emeritierter Professor für portugiesische, brasilianische und lusophone afrikanische Literatur. Er beschäftigt sich im Besonderen mit Postkolonialismus. Diese Thematik steht auch im Fokus seines Aufsatzes „European Transplants, Amerindian In-Laws, African Settlers, Brazilian Creoles: A Unique Colonial And Postcolonial Condition In Latin America“, welcher 2008 im Sammelband „Coloniality at Large: Latin America and the Postcolonial Debate“ veröffentlicht wurde. Russels These ist, dass Brasilien ganz spezielle Konditionen in der Kolonialzeit und damit auch anschließend hatte. Diese stellt er dar und fragt, ob trotzdem die Theorie von Postkolonialismus auf Brasilien anzuwenden ist.

Brasilien hebt sich zum einen durch seine spezielle Kolonialgeschichte ab, da es durch Portugal kolonisiert wurde. Dieses kann selbst als semi-peripher zu England gesehen werden und somit wirkten auf Brasilien der direkte Einfluss Portugal und der indirekte Englands. 1808 wurde Brasilien mit der Flucht des zukünftigen Königs nach Rio de Janeiro zur Metropole des dann Luso-Brasilianischen Imperiums. Darüber hinaus spielten im portugiesischen Imperium Kreolen eine wichtige kulturelle und politische Rolle. Durch das System des „Nativst In-Lawism“ war es schon zu Beginn der Kolonisation zu Vermischungen der Bevölkerungen gekommen. Eine wichtige Rolle sieht Hamilton auch bei den Afrikanern, welche auf eine gewisse Weise das Land ebenfalls mit kolonisierten und kulturell prägten.

Trotz dieser besonderen brasilianischen Konstellation argumentiert Hamilton, dass postkoloniale Theorie anwendbar ist. Für ihn macht ein postkolonialer Blick aus, dass dieser sich in die Zukunft bewegt, aber seinen Blick auf die koloniale und vor-koloniale Zeit richtet. Wie dies im brasilianischen Kontext aussehen kann, zeigt Hamilton anhand des 1984 erschienen Romans „Vivo o povo brasileiro“ von Riberieo, welchen er als Brasiliens essentielles postkoloniales literarisches Werk bezeichnet.

Hamilton fasst in seinem Aufsatz eine ganze Reihe anderer Aufsätze und Bücher zusammen, um so zu einem einführenden Text zu gelangen. Dabei wird leider nicht immer klar, wie Hamilton zu den einzelnen Texten steht und warum er diese und keine anderen ausgewählt hat.

Literatur

Russell G. Hamilton. 2008. „European Transplants, Amerindian In-laws, African Settlers, Brazilian Creoles: A Unique Colonial and Postcolonial Condition in Latin American.“, in: Moraña, Mabel und Enrique Dussel u.a. (Hg.). Coloniality at Large: Latin America and the Postcolonial Debate, Duke UP: Durham & London, 113-129.

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5 Kommentare zu “Postkolonialismus in Brasilien?

  1. Guter Artikel. Anzumerken wäre, dass „Viva o Povo Brasileiro“ (auch „O Povo Brasileiro“), aus der Feder des Ethnologen und Kulturtheoretikers Darcy Ribeiro kein Roman ist sondern ein Sachbuch, dass bei der Bewältigung der kolonialen Vergangenheit Brasiliens dienen soll. Ebenso, dass der britische Einfluss in Brasilien erst mit der Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal begann.

  2. Vielen Dank für den Kommentar.

    Kurzzeitig war ich wirklich verwirrt, durch den Kommentar, aber ich konnte die Verwirrung etwas lichten.

    Wir sprechen tatsächlich von zwei verschiedenen Büchern. Sie erwähnen das Buch „O povo brasileiro – a formação e o sentido do Brasil“ aus dem Jahr 1995 von Dary Riberio, der, wie Sie erwähnten Ethnologe und Kulturtheoretiker ist. Hamilton hingegen schreibt über „Vivo o povo brasileiro“ von João Ubaldo Ribeiro, der Schriftsteller ist. Bei dem von mir erwähnten Buch handelt es sich also tatsächlich um einen Roman. Auf Englisch ist das Buch überings unter dem Titel „An Invincible Memory“ erschienen.

    Zum britischen Einfluss in Brasilien kann ich spontan nicht so viel sagen. Hamilton meint aber, dass für die Geschichte Brasiliens wichtig war, das Protugal zu der Zeit, wo es Brasilien kolonisierte, selbst unter starkem Einfluss Englands stand.

  3. Hallo 🙂 Danke für die schnelle Antwort.
    Vielen Dank für den Hinweis auf das Buch „Vivo o povo brasileiro“ von João Ubaldo Ribeiro. Es war mir nicht bekannt.
    Die Briten standen bei der Unabhängigkeit Brasiliens Pate, in dem sie Portugal mit politischen Mitteln vom Eingreifen abhielten. Für diese Rückendeckung schuldete Brasilien England im Anschluss erstens Geld (was nie bezahlt wurde) und zweitens (dafür umso mehr) wirtschaftliche Privilegien. Daher der starke britische Einfluss in Brasilien des 19 Jahrhunderts, dem wir heute unter anderem die brasilianische Fussballkunst zu verdanken haben.
    Wohlgemerkt war die Unabhängigkeit in Brasilien keineswegs gleichbedeutend mit einem Ende der Sklaverei. Was den Handlungspielraum von Sklaven in der brasilianischen Geselllschaft angeht, sind die Szenarien im Brasil Colonia (der Kolonie) und im Brasil Império (dem von Portugal unabhängigen Brasilien) ähnlich und die Übergänge fliessend.
    Viele Grüsse
    kdg

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