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Anlässlich des 80. Geburstages von Bourdieu veröffentliche ich heute meine Notizen aus dem letzten Semester. Im Modul Einführung in die Soziologie beschäfftigten wir uns im Kapitel „Soziale Ungleichheit“ mit Bourdieus Verständnis von Kapitel und seinen Untersuchungen zu Geschmack.

Grundannahmen

  • Ökonomische Lage und die Stellung im Beruf sind wichtige Indikatoren für die Platzierung in einer sozialen Klasse
  • die Klassen selbst aber definieren sich über die Verfügung über die drei Kapitalsorten und durch deren Unterschiede in Geschmack und Lebensstil
  • in jeder Klasse typische Formen des Denkens und Handelns
  • die Klassen makieren Grenzen durch feine Unterschiede und Vorstellungen, was sich in gewissen Kreisen geziemt (von oben nach unten)
  • gibt aber Bemühungen, es einer Klasse gleich zu tun. (von unten nach oben)
  • Der Kampf läuft also nicht auf eine Revolution hinaus, sondern es gibt ständige Bemühungen um Abgrenzung und Annäherung

Kapitalsorten bei Bourdieu

  • versteht Kapital in einem weiteren Sinne als Marx und unterscheidet 3 Kapitalsorten::
    • ökonomisches Kapital (Geld und Eigentum)
    • kulturelles Kapital (Wissen, Qualifikationen, Bildungstitel, kulturelle Kompetenz) > Bildungskapital = amtlich beglaubigte Form des kulturellen Kapitals (dieses trägt stark zur Differenzierung der Klassen bei)
    • soziales Kapital (soziale Beziehungen) > auch als symbolisches Kapital bezeichnet, da es einen symbolischen Wert (z.B. Prestige, Ehre) beinhaltet und bezogen auf eine bestimmte Gruppe eine symbolische Bedeutung besitzt

Klassifikation und Distinktion

  • spezifische Kombination der 3 Kapitalsorten kennzeichnet die einzelnen Klassen und dadurch unterscheiden sich diese letztendlich voneinander
  • Annahme, dass von einer bestimmten gesellschaftlichen Differenzierung und einem gewissen Wohlstand an in allen Gesellschaften Prozesse der Klassifikation und Distinktion stattfinden
  • Menschen ordnen sich und Andere bestimmten Positionen in einem sozialen Raum  zu und setzen sich voneinander ab (Raum im Sinn des Raums objektiver sozialer Positionen)
  • gibt eine Wechselbeziehung zwischen der statistisch erfassbaren ökonomischen, objektiven, kulturellen und sozialen Lage (z.B. Einkommen, Geschlecht, Alter oder Berufsstand) und der praktischen Handlungsweisen (z.B. Lebensstil, Konsum oder politischem Verhalten).
  • Von dieser Wechselbeziehung ist das Denken und Handeln geprägt, indem der Habitus als Vermittlungsglied fungiert

Habitus

  • allgemeine Grundhaltung gegenüber der Welt, die zu systematischen Stellungnahmen führt
  • Habitus ist die Verinnerlichung der durch eine spezifische Klassenlage erzwungenen bzw. ermöglichten Handlungsformen und erzeugt als Schema selbst wiederum spezifische Praxisformen
  • Diese Selbsterzeugung beherrscht das Subjekt intuitiv
  • Der Habitus wirkt hinter dem Verhalten als generatives Prinzip und erzeugt Motive und Bedürfnisse, Geschmack und Lebensstil

Geschmack

  • Neben den objektiven Lebensbedingungen und dem Habitus unterscheiden sich die Klassen besonders durch den Geschmack, da er neben dem Lebensstil die auffälligste Äußerung des kulturellen Kapitals ist
  • Bourdieu unterscheidet 3 Geschmacksorten:
    • legitimer Geschmack (herrschende Klasse)
    • mittlerer Geschmack (mittlere Klasse)
    • barbarischer Geschmack (untere Klasse)

Stilisierung des Lebens

  • Unterscheidung beruht auf der Verfügung über das Kapital
  • um eine ästhetische Einstellung ausbilden zu können, muss über ausreichend ökonomisches Kapital verfügen,um lange im Ausbildungssystemen zu bleiben
  • Wer früh ein soziales Kapital besitzt und geistig gefördert wurde, hat einen Vorsprung gegenüber demjenigen, der sich später erst alles anlesen muss
  • folgt eine Distinktion gegenüber allen, die diese ästhetische Einstellung nicht besitzen, gefolgt von einer Verfeinerung des Lebensstils, die Max Weber als Stilisierung des Lebens bezeichnet hat.
  • Die Stilisierung des Lebens ist ständischen Ursprungs und gründet also im Bewusstsein, einem gewissen Stand anzugehören und sich von Anderen zu unterscheiden
  • Bourdieu überträgt diesen Gedanken der Stilisierung des Lebens auf die Strategie der herrschenden Klassen, die sich durch Beherrschung von Spielregeln bewusst oder unbewusst von Anderen unterscheiden
  • Durch Distinktion bleibt ihr kulturelles Kapital im wahrsten Sinne des Wortes exklusiv
  • Durch das tägliche Handeln wird das einem sozialen Raum angemessene Handeln immer wieder verstärkt
  • Je rigider die Lebensumstände und je rigider das Realitätsprinzip vorherrscht, desto eher respektieren (auch durch stillschweigendes Akzeptieren) wir, was man sich erlauben darf und was nicht
  • Soziale Ungleichheit erhält sich also, weil in allen Klassen der Habitus das Gefühl vermittelt, in seinen Kreisen kompetent zu sein
  • Auch stärkt es das Selbstbewusstsein, unter seinesgleichen geachtet zu werden und die Grenzen zu kenne, an denen man sich zu Anderen unterscheidet.
  • Dabei wirken feine Unterschiede von oben nach unten als Distinktion und Zurückweisung, von unten nach oben hingegen nährt die Massenkultur die Illusion, dass keine kulturellen Grenzen bestehen würden
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Ein Kommentar zu “Bourdieu: Sozialer Raum, Kapital und Geschmack

  1. Ich glaube, diese Gleichsetzung von sozialem und symbolischem Kapital legt vor allem dieser Text über die Kapitalien aus „Soziale Welt“ nahe (1982? kann das sein?), eigentlich beschreibt er später vertieft (z.B. in Reflexive Anthropologie) die (für alle Kapitalien dann anwendbare) Zweidimensionalität des sozialen Raums (materiale & symbolische) und versteht das symbolische Kapital als die als legitim anerkannte Form der anderen Kapitalsorten, was ich persönlich viel plausibler finde. Ich fand im Zusammenhang mit meiner Bourdieu-Lektüre gerade diese analytische Unterscheidung total gewinnbringend, deswegen der Hinweis :).
    Also, ein Beispiel für die materiell-symbolischen Dimensionen kulturellen Kapitals: Einerseits *habe* ich z.B. bestimmte Kompetenzen im Umgang mit Technik (ich weiß es eben! ich kann das!), andererseits ist es eben wichtig, dass diese sozial anerkannt werden – Kompetenzen, Abschlüsse, Kunstwerke, die *unterschiedlich* durch andere anerkannt werden, wirken auch nicht gleichermaßen auf meine Positionierung.

    Eigentlich schade, dass diese Sicht nicht so verbreitet ist (finde ich und verbreite sie gern), weil die ganzen Ausführungen zu symbolischer Gewalt und Herrschaft ja mit der Gleichsetzung von sozialem und symbolischem Kapital nicht ohne weiteres verständlich sind, und gerade hier liegen ja Anknüpfungspunkte für die eher „kulturwissenschaftlich“ orientierten Menschen.

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