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May Ayim schrieb schon vor fast zwanzig Jahren über ihr Erstaunen und ihre Empörung als sie erst spät (bei der Recherche für ihrer Diplomarbeit zur Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland) erfuhr,

daß Schwarze Menschen, und dies in nicht unerheblicher Zahl, während der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus Diskriminierung, rassistischer Verfolgung, Vertreibung und Mord zum Opfer gefallen waren. [1]

Sie resümiert: „Ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte war mir und anderen Schulkameradinnen vorenthalten worden.“[2]

Geschichtsvergessenheit im Museum für Deutsche Geschichte

Kolonialismus und die Geschichte Schwarzer Deutsche fehlen nicht nur im Schulunterricht. Auch in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums, die sich der „Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Europäern“ verpflichtet hat, fehlt dieser Teil der deutschen Geschichte fast gänzlich.

Zwar gibt die Ausstellung vor „einen Überblick über zweitausend Jahre deutsche Geschichte im internationalen Zusammenhang“ zu bieten – ein Blick in den Abschnitt „1871-1918: Kaiserreich und Erster Weltkrieg“ macht allerdings deutlich, dass mit „internationalen Zusammenhängen“ nicht die kolonialen Eroberungen und Verbrechen dieser Zeit gemeint sind. Vielmehr beschäftigt sich dieser Teil der Ausstellung mit der „inneren Reichsgründung“ unter König Wilhelm I., der Person und Politik des Reichskanzlers Otto von Bismarck, dem wirtschaftlichen Aufschwung des Deutschen Reiches und dem „Alltag und der Lebenswelt“ der deutschen Bürger(_innen)[3]. Die Kolonialgeschichte versteckt sich am Ende der Ausstellung, gesondert in einer Vitrine und einem Schubladenschrank unter eine Treppe.

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Der „Kolonialkasten“ und „Kolonialschrank“ im DHM

Kolonialismus im Kasten?

Inspiriert durch den versteckten Ort der Kolonialgeschichte in der Ausstellung gründete sich bereits 2009/2010 die Initiative „Kolonialismus im Kasten?“, bestehend aus fünf Historikerinnen. Die Initiative hatte sich zum Ziel gesetzt, die fehlende Geschichte des deutschen Kolonialismus zu thematisieren und bot zu diesem Zweck öffentliche Rundgänge durch die Ausstellung des DHM an:

In unseren Museumsrundgängen haben wir die Geschichte des deutschen Kolonialismus thematisiert, die in der hiesigen Öffentlichkeit nur wenig wahrgenommen wird. Wir haben aufgezeigt, dass Kolonialismus Gewalt, Rassismus und wirtschaftliche Ausbeutung bedeutete, aber auch erbitterten Widerstand hervorbrachte. Und wir haben auf die problematische Darstellung deutscher Kolonialgeschichte im DHM aufmerksam gemacht.

Die Rundgänge finden zwar nicht mehr statt, dafür stellt die Initiative auf ihrer Website einen Audioguide zur Verfügung, den mensch sich kostenlos herunterladen kann. Mit dazugehörigem Übersichtsplan und Knopf im Ohr werden die „vielfältigen Verbindungen zwischen dem, was als deutsche Geschichte und was als Kolonialgeschichte gedacht wird, hör- und sichtbar“: dass mit der „inneren Reichsgründung“ auch eine „äußere Reichsgründung“ in den Kolonien einherging; dass Bismarck nicht nur für „europäische Bündnispolitik“ steht sondern unter ihm Deutschland auch zum Kolonialreich wurde; dass der wirtschaftliche Aufschwung des Deutschen Reiches zum großen Teil auf der Ausbeutung der 12 Millionen Menschen in den Kolonien beruhte und dass „Alltag und Lebenswelt“ der Schwarzen Menschen in den Kolonien und in Deutschland geprägt war von Rassismus.

All diese Zusammenhänge verschweigt das Deutsche Historische Museum (bewusst?) und präsentiert die deutsche Geschichte somit als weiß. Dass dem nicht so ist, hat bereits May Ayim in ihrer Diplomarbeit 1986 nachgewiesen.[4] Es wäre an der Zeit, dass auch das Deutsche Museum dies (an)erkennt und die Kolonialgeschichte sowie die Geschichte Schwarzer Deutsche in die Ausstellung aufnimmt.

IMG_6357Die Berliner Konferenz von 1884/85 versteckt sich in der unbeschrifteten untersten Schublade eines unscheinbaren Schubladenschrankes unter der Treppe…

IMG_6362… ohne Titel, ohne Datum, ohne Kontext.

_______________________________

[1] Ayim, May. 1997. Grenzenlos und unverschämt. Berlin: Orlanda Frauenverlag, S. 133.

[2] ebd.

[3] „Alltag und Lebenswelt“ der weißer deutschen Frauen werden in der Ausstellung auch kaum behandelt. Dieser Umstand soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiße Frauen auch maßgeblich am kolonialen Projekt beteiligt waren und von der kolonialen Ausbeutung Schwarzer Menschen profitierten.

[4] Teile von May Ayims Diplomarbeit finden sich in dem Buch Farbe bekennen, für das ihre Arbeit die Grundlage darstellte: Oguntoye, Katharina; Ayim, May; Schultz, Dagmar (Hg.). 2006. Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Frankfurt am Main: Fischer.

Maria3ks entrüstete sich schon letzten Monat auf Myself And Child über die Entnennung der Kolonialgeschichte und der Geschichte Schwarzer Deutsche im DHM.
Hier gibt es einen Bericht von Debora Gerstenberger und Joël Glasman auf H-Soz-u-Kult, die 2010 an einer Führung von „Kolonialismus im Kasten?“ teilnahmen.
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5 Kommentare zu “Deutscher Kolonialismus unter die Treppe gekehrt

  1. Pingback: Black Lux – Ein Heimatfest aus Schwarzen Perspektiven | Afrika Wissen Schaft

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