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Der dritte und letzte Festivaltag hatte das Thema „Transgressing Boundaries: The Future of Texts and Genres“ und begann mit einem sehr interessanten Key Note-Vortrag von Manthia Diawara mit dem Titel „The 1956 Congress, Beyond Negritude and Cultural Nationalism“.

Manthia Diawara: The 1956 Congress, Beyond Negritude and Cultural Nationalism

In seinem Vortrag ging Diawara auf die Bedeutung der Konferenz von 1956 in Paris ein, „The First Congress of Black Writers and Artists“, der ersten Zusammenkunft Schwarzer Autoren, Künstler und Intellektueller – es waren tatsächlich nur Männer anwesend, unter ihnen Frantz Fanon, Léopold Sédar Senghor, Aimé Césaire, Edouard Glissant, James Baldwin, Richard Wright und Cheikh Anta Diop. Die Konferenz wird häufig als ein „kulturelles Bandung“ bezeichnet, da es vordergründig eine rein kulturelle Konferenz war, im Verlgeich zur vor allem ökonomisch und politisch ausgerichteten Bandung- Konferenz (um die es hier schon einmal ging). Der Hauptgrund weswegen Alioune Diop und das Verlagshaus Présence Africaine die Erlaubnis erhielten, die Konferenz in der Pariser Universität Sorbonne abzuhalten war, dass sie sich auf kulturelle Fragen beschränken würden und politische Themen, vor allem die höchst aktuelle Diskussion um die Dekolonisation, aussparten.

Ein erstes grenzüberschreitendes Moment war die Nicht-Einhaltung dieser, von den Franzosen gewünschten, Trennung von Kultur und Politik. „It was of course difficult, if not impossible“, sagte Diawara,

to separate culture and politics, at such times of fervent agitations for decolonization in Africa, Latin America and Asia, and the Jim Crow System in the United States. The Bandung Conference had just taken place, ushering in a strong Sentiment of self-determination and national sovereignity among Asian and African peoples faced with the Cold War antagonism between the NATO and Soviet Blocs.

Die zweite Grenzüberschreitung unternahmen die Organisatoren der Konferenz dadurch, dass sie die Gemeinsamkeit der Autoren und Künstler aus Afrika, der Karibik und den Amerikas auf eine gemeinsame „Rasse“ (race) zurück führten:

The Frensh press, in particular, was hostile to any acknowledgment of race as a unifying feature; especially recognizing that any acknoledgment that Nigerians and Senegalese were colonized and their civilization annihilated because of their common Black race would also be tantamount to an undermining of the French Empire.

Diese Vorstellung, von race als ein alle Schwarzen verbindendes Merkmal, wurde auch von den Vertretern der Négritude, allen voran Senghor, unterstützt. Allerdings, so Diawara, barg das Konzept der Négritude auch die Gefahr neue Grenzen zu schaffen. Viele Teilnehmer der Konferenz wandten sich deshalb von Senghor’s Négritude-Konzept ab, das sie essantialistisch empfanden und als einen „antirassistischen Rassismus“ („racisme antiraciste“, Sartre) ablehnten, der in der dualistischen Hegelianischen Logik verhaften blieb.

Césaire erntete viel Applaus für seine Aussage „Je pense qu’il est très vrai de dire qu’il n’y a de culture nationale“ (I think that it is really true that there is no culture but national culture). Für Césaire gab es keine einigende Schwarze Kultur, da jede Kultur bedingt sei durch die lokale Geographie (in Anlehnung an Hegel) und – vor allem – die lokale Politik. Fanon knüpfte dort an, indem er sagte:

… every culture is first and foremost national, and that the Problems for wich Richard Wright or Langston Hughes had to be on the alert were fundamentally different from those faced by Léopold Sédar Senghor or Jomo Kenyatta. (The Wretched of the Earth)

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Hier bringt Diawara Edouard Glissant ins Spiel, der feststellt, dass sowohl die Négritude als auch die Idee der nationalen Kultur in der dualistischen Definition von Identität verhaftet bleibt. Es gibt ein „Ich“, das sich durch race oder nationale Zugehörigkeit definiert, indem es sich gegen „die Anderen“ abgrenzt. Das Problem dieser dualistischen Gegenüberstellung von „Ich“ und „die Anderen“ sieht Glissant darin, dass Kultur und Identität nur ein einziger Ursprung/eine Wurzel („racine“) zugeschrieben wird.

Dieser verwurzelten Identität („identité racine“) stellt Glissant eine Identität entgegen, die sich durch Beziehungen („relation“) definiert. Für ihn können die Grenzen, die durch die dualistische Gegenüberstellung gesetzt werden, nur durch eine Anerkennung der Unterschiede überwunden werden: „La pensée de l’Autre ne cessera d’être duelle qu’a ce moment où les différences auront été reconnues“ (Poétique de la Relation). In seinem Essay „Poétique de la Relation“ erklärt er seine Theorie der Identität, die sich durch Beziehungen definiert, anschaulich mit dem Bild von Rhizomen, die mehrere Wurzeln haben. Er führt aus, dass die Wurzeln eines Rhizom sich zu einem Netzwerk vervielfältigen, ohne sich gegenseitig zu zerstören: „I can change myself through exchanges with the Other, without destroying, or denaturing myself“. Für Glissant muss eine wahre Dekolonisation (nicht nur für die ehemals kolonisierten Länder, sondern auch für den Westen) über die Grenzen hinaus gehen, die durch Rassismus, Sexismus und Nationalismus gesetzt wurden: „We have to dream of the impossible totality of the one world, in which all frontieres are abolished, except for those of difference and relations“.

Zur weiteren Erklärung von Glissants Theorie empfehle ich den Film „Edouard Glissant. One World in Relation“ von Manthia Diawara, der ebenfalls auf dem Festival zu sehen war.

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