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Zwanzig Jahre ist es her. Rostock Lichtenhagen. Und die FAZ hat sich vorgenommen zu diesem Anlass zu beweisen, dass sich rechtes Denken nicht nur in Gewaltausschreitungen zeigt, sondern auch sehr viel Platz in „bürgerlichen Zeitungen“ bekommt.

Schon allein der Titel. „Terror gegen Asylanten. Lichtenhagen: Ende der Sozialromantik“, steht da geschrieben. Oder genauer: stand da geschrieben. Denn den Teil mit der Sozialromantik hat die FAZ nach Protesten dann gestern schonmal entfernt. Genauso wurde der Teaser verändert. Das alles ohne Kommentar. Und besser wurde damit natürlich auch nichts.

Eigentlich steckt schon alles in der Verwendung des Begriffes „Asylanten“. Stefan Göttel schrieb in „Afrika in der deutschen Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk“ (so als wolle er die FAZ direkt ansprechen):

Gerade im Hinblick auf die Debatte um den Artikel 16 des Deutschen Grundgesetztes Anfang der 1990er Jahre und um die de facto Abschaffung des Asylrechts 1992 kam der Anwendung des Begriffes „A.“ eine besondere Bedeutung zu. Er entwickelte sich zu einer Art „Kampfbegriff“, der von vielen Menschen, insbesondere auch von Journalist/inn/en und Politiker/inn/en, mit einer negativen Bennungsintention verwendet wurde. Heute gilt der Gebrauch des Begriffes „A.“ im öffentlichen, insebsondere medialen Diskurs klar als abwertend und wird daher dort in der Regel nicht mehr oft angewandt.

Die FAZ aber reiht sich munter ein in die Kampfparolen, die gerade auch Medien in den 1990igern mit ausgaben. Nahtlos knüpft sie an diese Diskurse an, die natürlich auch niemals verschwunden waren, sondern eher in andere Worte verpackt wurden.

Der überarbeitete Teaser beginnt mit folgendem Satz:

Die Exzesse gegen Asylbewerberheime Anfang der neunziger Jahre markierten das Ende der Utopie namens Multikulturalismus.

Der Autor spricht von Exzessen. Als wäre ein vollkommen berechtigter Protest plötzlich aus dem Ruder gelaufen. Als wäre die „Kritik“ legitim und nur die Umsetzung etwas „zu viel des Guten“. Aber eigentlich doch auch nicht, oder? Schließlich haben diese „Ausschreitungen“ dazu geführt, dass endlich eingesehen wurde das Multikulturalismus nicht funktionieren kann. Problem waren also eigentlich all jene, die sich für eine gleichberechtige Gesellschaft einsetzten, nicht diejenigen, die Menschen angriffen.

Dann legt Jasper von Altenbockum, Autor des Textes und verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik, richtig los. Er sähe durchaus eine Verbindung zwischen den Vorkommnissen in Rostock vor zwanzig Jahren und den NSU-Morden, halt diese Entwicklung einer „gewaltbereiten rechtsextremistischen Szene“. Aber mit den Normalbürger_innen hat das nichts zu tun. Rassismus. Das ist das, was (Neo-)Nazis machen. Dass Politiker_innen und Sicherheitsbehörden in Rostock versagt hätten, hält von Altenbockum für eine Übertreibung. Aber noch perfider sei es zu behaupten, dass Politiker_innen die Stimmung von vor 20 Jahren nutzten um das Individualrecht auf Asyl einzuschränken.

Von Altenbockum wittert gar eine Verschwörung: Dienen die zweite und dritte Behauptung nicht dazu um zu vertuschen, dass „Sozialromatiker“ einfach weggeguckt haben bei Problemen, dass sie bis heute nicht verstehen und dass es auch linke Gewalt gibt?

Dass gerade dieser Autor verantwortlich ist für den Bereich Innenpolitik ist beängstigend. So viel Polemik und Durcheinanderwerfen von Themen bei so einem Komplex ist nicht nur furchtbar, sondern auch geradezu gefährlich, passt es doch bestens in den rechten Diskurs, der in sehr vielen Gesellschaftsschichten vorherrscht, und bietet diesem neues Futter (oder vielleicht auch Brennholz).

Er macht das sehr beliebte Fass der „linken Gewalt“ auf, setzt Sachbeschädigung gleich mit dem Verletzen und Ermorden von Menschen. Klar im Innenministerium macht mensch sich mit solchen Aussagen zur Zeit Freund_innen. Er beschreibt die Mär der unglaublichen Ströme an Menschen, die nach Deutschland kamen, die in den 90iger besonders drastisch (und anstachelnd) von der BILD beschrieben wurden. Er benutzt die Rhetorik von „strömen“ und spricht nur von „zehn-, zwanzig- oder auch dreißigtausend Asylbewerber[n]“, eine Zahl die scheinbar unendlich erweiterbar ist. Genau mit diesen Worten wurden damals und werden heute die betroffenen Personen entmenschlicht, zu einer anonymen bedrohlichen Masse degradiert. Stefan Göttel merkte dazu an:

Es ist besonders die Verwendung von Kollektivsymbolen und Metaphern aus dem Bereich der Naturgewalten, die, wenn man deren Logik folgt, ein Handeln nicht nur rechtfertigt, sondern geradezu einfordert.

Zwar erwähnt von Altenbockum kurz, dass für viele Menschen, die asylsuchend nach Deutschland gelangten, die Zustände auch hier keineswegs positiv waren, aber dann möchte er doch viel lieber darauf eingehen, wie die in Deutschland lebenden Deutschen (wahrscheinlich alle weiß und seit min. 7 Generationen auf heutigem deutschen Staatsgebiet) darunter gelitten haben. Dabei impliziert er, dass den Asylsuchenden eigentlich ein wirklich riesiger Gefallen getan wurde und dabei vergessen wurde auf die vorhanden Deutschen zu achten. Oder wie er schlicht konstatiert: „Das war verantwortungslos.“

Ich möchte feststellen und schreien: Herr von Altenbockum, ihr Artikel, der ist verantwortungslos! Ihr Zusammenwerfen von Asyl- und Migrationspolitik, als sei es beides austauschbar, ist verantwortungslos! (Wobei natürlich beide Diskurse auch tief rassistisch geprägt sind, aber diese Parallele wäre ja die letzte, die Sie ziehen würden.) Ihr impliziertes Verständnis für das Ermorden und Angreifen von Menschen ist verantwortungslos! Dass Ihnen nicht einmal in den Sinn kommt, dass es hier um individuelle Leben und Lebensgeschichten geht, ist verantwortungslos! Dass Sie die Schuld an der Gewalt letztenendes bei der „Gutgläubigkeit“ jener sehen, die eine andere Gesellschaft wollen, ist verantwortungslos! Dass sie Rassismus nur bei Nazis sehen können ist verantwortungslos! Dass sie so viel Platz bekommen (sich wahrscheinlich selbst gegeben haben) um rassistische „Einwanderungsmythen“ zu verbreiten ist verwantwortungslos!

Verantwortungslos. Aber (leider) nicht überraschend. Zeigt ihr Artikel doch genau das, was sie nicht erkennen können: Den rassistischen Normalzustand in unserer Gesellschaft.

Edit: Während ich noch geschrieben habe, ist bei Stop! Talking. bereits eine sehr gute Antwort zu dem Artikel (aber auf Englisch) erschienen. Unbedingt lesen: „Normalcy, Part2.

Edit 2: Einen Lesetipp auch noch zum Thema „Multikulturalismus“, Migration und Integration. Bei Medienelite wurde vor einiger Zeit ein Ausszug aus Kien Nghi Has „The White German’s Burden – Multikulturalismus und Migrationspolitik aus postkolonialer Perspektive“ veröffentlicht.

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13 Kommentare zu “Rassistischer Normalzustand bei der FAZ

  1. Pingback: Normalcy, Part 2. « stop! talking.

  2. Pingback: Sammelmappe » Blog Archive » Das Ende der Sozialromantik

  3. Pingback: Das Problem heißt Rassismus – Auch 20 Jahre nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen | Kotzendes Einhorn

  4. Pingback: Lichtenhagen. Kontinuität rassistischer Gewalt und weißer Überlegenheit. | Medienelite

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