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Gestern habe ich viele Stunden an einem Blogbeitrag gesessen. Aufhänger war der Vorfall mit Sarah Kuttner, doch ich wollte viel mehr beschreiben, nämlich wie diese Geschichte, Blackface in deutschen Theatern, Racial Profiling, Kriminalstatistiken, Presseberichte etc. allesamt Manifestationen unseres rassistischen Systems sind und nicht mit einer Einzelfall-Rhetorik abgetan werden dürfen. Dieser Text muss nun etwas warten.

Denn heute die „Wende“: Sarah Kuttner ist ja gar nicht rassistisch, sondern nur Opfer eines bösen Shitstorms! Das verkündet da munter Spiegel Online und auch die Publikative rudert wieder zurück und entschuldigt sich für den gestrigen Artikel, in dem sie über den „Vorfall“ geschrieben hatten.

Was war überhaupt passiert? Sarah Kuttner hat eine Lesung abgehalten in Hamburg. Beim Lesen und Diskutieren eines ihrer Kapitel verwendete sie rassistische Sprache (sie beschrieb eine so genannte N.-Puppe) und rassistische Bilder. Ein Mann im Publikum zeigte sie daraufhin an. Spiegel Online aber weiß heute, dass das ja nicht rassistisch war. Sie zitieren sogar besagte Stelle aus dem Buch. Dass Kuttner auch gesagt hätte, dass so eine Puppe heute aus guten Gründen nicht mehr verkauft würde, spricht sie frei von allen Vorwürfen. Wie gut, dass die Medien schon zuvor – wie üblich – nur geschrieben hatten, der anzeigende Mann „fühlte sich beleidigt/ in seiner Ehre verletzt“.

Die Einschätzung von Spiegel Online ist eine sehr mächtige, denn Menschen beziehen sich gern auf solche Leitmedien. Sie gibt also alljenen Futter, die schon seit Beginn der Diskussion den Kuttner-Kritiker_innen übertriebene political correctness vorgeworfen hatten. (Zu dem Begriff gab es letztens einen tollen Blogeintrag bei Anarchie und Lihbe: Gedankendiktatur JETZT!). Anstatt einer wahren Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus, der auch in unseren (lies hier der weißen Mehrheitsgesellschaft) Kindheitserinnerungen festsitzt, findet nun klassisches Derailing (Entgleisenlassen der Diskussion) statt. Und die Höhe? Alles immer wieder unter Verwendung rassistischer, gewaltvoller Sprache.

Denn egal wie Sarah Kuttner ihre Geschichte rahmen möchte, sie verwendet rassistische Sprache und wiederholt rassistische Bilder. Und die Medien ebenfalls. Kein Artikel hat es bisher geschafft darauf zu verzichten das N.-Wort auszuschreiben. Geradezu genüsslich werden auch die rassistischen Schilderungen wiederholt. Hier sieht mensch, dass gerade auch die Publikative, die ja rechte Tendenzen/ Rassismus in der ganzen Gesellschaft analysieren möchte, es doch am einfachesten bei unsympathischen Feindbildern fällt. Sarah Kuttner eher nicht. Und selbst? Nein, gewiss nicht! Wir arbeiten ja alle antirassistisch!

Ein kleiner Tipp: Antirassistische Arbeit funktioniert NIE mit rassistischer Sprache.

Zweiter kleiner Tipp: Rassistische Sprache ist Rassismus. Mehr braucht es nicht.

Ich habe keinen der Artikel der Hamburger Morgenpost (die als erstes berichteten), Spiegel Online oder Publikative verlinkt, da sie alle gewaltvolle Sprache enthalten. Sie sind aber auch äußerst einfach per Google oder direkt auf den Seiten zu finden.

Edit (30.05): Hörtipp: Sandrine Micossé-Aikins, Aktivistin im Netzwerk Bühnenwatch, und Tahir Della, Vorstand der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland sprachen mit dem Radio Corax über das N-Wort: Nochmal: Warum die Werbung mit dem N-Wort für ein Theaterstück rassistisch genannt werden kann.

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20 Kommentare zu “Die Sache mit Sarah Kuttner…

  1. Pingback: Ankotzen und Angekotzt werden: Emotionale Oppression Olympics » takeover.beta

  2. Vielen herzlichen Dank schonmal für die netten Kommentare 🙂

    Kommentare mit rassistischer Sprache und Rassismusrelativierungen werden natürlich nicht freigeschaltet.

  3. Danke für den Artikel!
    Ich habe eine Frage bezüglich der Abkürzung des N.-Wortes. Warum ist das notwendig, in anderen Zusammenhängen begnügt man sich mit dem In-Anführungsstriche-Setzen des entsprechenden Wortes? Auf mich wirkt diese „Tabuisierung“ etwas übertrieben. Bitte nicht als Provokation verstehen, sondern tatsächlich als Nachfrage, warum in diesem Falle besonders vorgegangen werden soll.
    Beste Grüße!

    • Ich habe jetzt länger überlegt, ob ich den Kommentar freischalte. Ich mache das jetzt mal ( da er ohne rassistische Sprache auskommt und ich ein echtes Interesse herauslese) und antworte. Weitere Kommentare in diese Richtung, werde ich hier aber nicht zulassen.

      Zu deiner Frage: Eigentlich ist die Antwort ganz einfach. Das Wort hat einen rassistischen Gehalt. Es kann für Menschen mit Rassismuserfahrung gewaltvoll sein dieses Wort zu lesen, bzw. es könnte bestimmte Erinnerungen/Gefühle triggern. Das sollte mensch vermeiden wollen. Vor allem als weiße Person kann ich mir diesen Sprachgebrauch nicht herausnehmen (- also nur weil vll einige PoC das Wort nutzen, ist das noch lange nicht für weiße Menschen ok!). Und auch, wenn ich es in Anführungszeichen schreibe wiederhole ich immer wieder dieses Wort und damit einhergehende Bilder. Die Abkürzungsform ist da eben zur Zeit vll. die beste die wir haben – denn manchmal muss mensch ja auf das Wort hinweisen…

      Eine sehr gute Zusammenfassung zum N.-Wort findet sich beim braunen Mob (Triggerwarnung rassistische Sprache): http://www.derbraunemob.info/shared/download/warum_nicht.pdf. Ich empfehle dir und allen anderen vor allem die Literaturtipps am Ende des Dokuments!

      • Hey, vielen Dank für die Antwort! 🙂
        Merke gerade, dass ich wirklich ganz schön wenig darüber weiß… und sorry wollte auch nicht unbedingt eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen.

  4. Danke für den Artikel. Besonders zum Nachdenken bringt mich der Hinweis zu Kindheitserinnerungen der Generation vor mir und meiner eigenen. Eine Aufarbeitung dessen „was war“ im Sinne tief verwurzelter Bilder und Gewissheiten ist ein Thema, das ich bisher kaum angetroffen habe; dazu betone ich aber, dass ich auch nicht gesucht habe, also allenfalls über den Mainstream spreche.
    Ich kann mich gut erinnern, etwa als 8-jähriger von meinen Großeltern mehr oder minder subtil aufgehetzt worden zu sein, eine Saat voller rassistischer Wendungen und Bilder, die bei einem durch Ereignisse in der Familie allgemein verunsicherten Kind auf fruchtbaren Boden fiel. Ich wurde in einen Zyklus von Gewalt initiiert, der mit meinen heutigem Leben kaum etwas zu tun hat, aber ich würde meinen, dass etwas, was nicht aufgearbeitet ist, weiter seine Wirkung entfaltet.
    Nach meinem Gefühl bei Kuttner ebenfalls, und das auf eine gewaltvolle Art, die irritierend wirkt beim Versuch, die Moralität der Künstlerin und die durch den Vortrag hervorgerufende Intervention als etwas zu werten, das nichts mit ‚mir‘ (bspw. ZeitungsleserIn, ZuhörerIn) zu tun hat. Der Schwenk zugunsten Kuttners ist in meinen Augen sehr arg Systemstabilisierung, Verleugnung von Rassismus, ja gar Auskosten des Moments der Grenzüberschreitung, in ihm lese ich aber auch ein Verleugnen des Zyklus der Gewalt und der Teilhabe praktisch aller an diesem Zyklus: eine Wiederherstellung einer „anständigen“ Moralität, in der das Ausstoßen von PoC eben dann „gesund“ ist, wenn sie Ärger machen (d.h. sichtbar werden als Individuum). Dass eine Puppe Ausgangspunkt ist, sehe in ich diesem Sinne ich als passend an, denn der Drang nach Objektivierung ist so groß. Dass bspw. Kunst-/Meinungsfreiheit in einer sehr emotionalen Weise gegen die Verletzung eines Zuhörers angebracht werden, in der ‚fühlen‘ praktisch mit Illusion gleichgesetzt wird, weil dem Zuhörer ganz leicht unterstellt werden kann, entweder unlautere/geheime Motive zu haben oder aber verrückt zu sein, stützt sich auf eine leicht wachzurufende Vorstellung, PoC seien mehr Puppen als ‚echte‘, ernstzunehmende Personen.
    Ich schreibe das auf, was ich als möglicherweise durchschnittlicher Empänger medialer Botschaften als Angebot an mich wahrnehme. Die Angebote rekurrieren in meiner Sicht auf solche frühen Erfahrungen gemeinschaftlicher Verachtung und ’stillem‘ Hass und stabilisieren Rassismus, der zu einem kulturellen Vermächtnis gehört, das viel breiter und tiefer sitzt als dass die intellektuelle Reifung einer/s Einzelnen diese Einflüsse bannen kann. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu der meinung, dass es einen radikalen Diskurs braucht, der ein zentrales Verhältnis von Volk und Bevölkerung auf den Kopf stellt, indem Integration so zu verstehen ist, wie sie nur verstanden werden kann, nämlich als Integration der ‚Mehrheit‘ in die Vielheit der Verdrängten und Verleugneten.
    Ich denke, dass eine Psychologisierung, wie ich sie anbringe, die Gefahr in sich trägt, von individueller Schuld weg zu weisen. Ich hoffe, dass ich den Rahmen so gespannt habe, dass der Gedanke sich nicht anbietet. Ich empfinde es als sehr schwierig, mich so weitgehend in Frage zu stellen und den Begriff des Alltagsrassissmus viel persönlicher und biografischer zu verstehen. Diesen Versuch zu unternehmen unterminiert aber eine deutsche Verfasstheit, in der Anstand und Volk als Angebote immer weiter existieren.

  5. Pingback: Lesestoff • Denkwerkstatt

  6. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Kunstvolle Schwangerschaft, testosteronvernebelte Politik – die Blogschau

  7. Ich bin _so_ froh, dass du diesen Artikel geschrieben hast. Ich war die letzte Woche nicht zu Hause und habe mit nur sehr schwachem Internet auf einer Nordseeinsel diese Kuttner-Geschichte verfolgt und war einfach nur sauer auf Kuttner und nochmal mehr, als die ganze Presse zurückgerudert ist. Danke, der Text ist wichtig und gut!

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