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Vor einiger Zeit hatte erklärt, was sich hinter dem Begriff des narrativen Interviews verbirgt. Heute gehe ich auf eine der entscheidenen Grundlagen der Methode ein: erzähltheoretische Grundannahmen.

Was ist eine Erzählung?

Erzählungen beinhalten eine Ereignisabfolge. Diese wird meistens in der zeitlichen Abfolge der Geschehnisse vorgetragen. Dabei wird zu erst zunächst eine Ausgangssituation geschildert, dann die Entwicklung dargelegt und zuletzt aufgezeigt, wie die Situation am Ende der Entwicklung aussieht.

Dabei gibt es einen „Grundtypen“ von Erzählungen: die retroperspektive Erzählung von Erfahrungen, die der_die Erzähler_in selbst in direkten Interaktionen gemacht hat. Der für das narrative Interview wichtige Sonderfall ist die Stegreiferzählung. Dies ist eine Erzählung, die der_die Informant_in nicht systematisch ausgearbeitet hat, sondern die in der Gesprächssituation spontan ausgestaltet wird.

Warum ist die Stegreiferzählung besonders authentisch?

Zu erst gibt es die Grundannahme, dass der_die Erzähler_in einer anderen Person das Erlebte wirklich vermitteln möchte (Hauptfunktion der Erzählung). Damit die Vermittlung funktioniert müssen sämtliche unbekannte Informationen, die für das Verständnis unabdingbar sind, gegeben werden.

Kognitive Figuren der Stegreiferzählung

Die Besonderheit der Stegreiferzählung ist, dass ihre Struktur durch so genannten „Kognitiven Figuren des Stegreiferzählens“ bestimmt wird. Die Stegreiferzählung besteht notwendig aus diesen Elementen, dies erklärt auch die besondere Nähe zum Erleben. Die Erlebnisaufschichtung schlägt sich in diesen Figuren nieder.

Die vier Figuren sind: Erzählträger, Ereigniskette, Situationen und thematische Gesamtgestalt:

  • Erzählträger: Person, aus deren Perspektive erzählt wird; wird signifikant in die Erzählung eingeführt; meistens auch zum Großteil der Ereignisträger des erzählten Prozesses (also die Person, die etwas (nicht) tut); an der Einführung anderer Ereignisträger oder dem Zurücktreten des Hauptereignisträgers gegenüber anderen ist sein Handelns- oder Erleidensmodus innerhalb des Prozesses abzulesen
  • Ereigniskette: Darstellung des erzählten Prozessgeschehens in Einzelgliedern
  • Situationen: verdichtete Kernpunkte des Prozesses; Höhepunkte: meist abgegrenzt ind der Erzählung und besonders detailreich
  • thematische Gesamtgestalt: zentrale Problemetik und deren Entwicklung in der Erzählung; typisiert das Thema  und ordnet ihr eine Moral zu

Zugzwänge der Sachverhaltsdarstellung

Doch warum bricht der_die Erzähler_in gewöhnlich nicht die Geschichte ab, wenn er_sie etwas nicht berichten möchte oder manipuliert den Gesamtverlauf? Dafür sorgen die „Zugzwänge der Sachverhaltsdarstellung“, welche in Erzählungen in besonders starker Weise wirken. Diese Zwänge wirken beim narrativen Interview besonders, da es sich um eine direkte Interaktion (Interview) handelt.

Es werden vier Zwänge unterschieden: Detailierungszwang, Gestaltschließungszwang, Relevanzfestlegungs- und Kondensierungszwang:

  • Detailierungszwang: Erzähler_in getrieben, sich an die tatsächliche Abfolge der von ihm_ihr erlebten Ereignisse zu halten und  von der Schilderung des einen Ereignisses zur Schilderung des anderen überzugehen
  • Gestaltschließungszwang: Erzähler_in ist getrieben, die in der Erzählung darstellungsmäßig begonnenen kognitiven Strukturen abzuschließen
  • Relevanzfestlegungs- und Kondensierungszwang: Erzähler_in ist getrieben nur das zu erzählen, was an Ereignissen als ,Ereignisknoten‘ innerhalb der zu erzählenden Geschichte relevant ist

Wichtig ist zu beachten, dass die Zugzwänge eben nicht das explizite Erzählen aller Punkte eines Sachverhaltes herbeiführen, sondern dass alle wesentlichen Elemente irgendwie repräsentiert sind (explizit, stilistisch-indirekt und symptomatisch-unwillkürlich). Diese Elemente zu analysieren erfordert deshalb auch ein symptomatisches Vorgehen.

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