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SoSe 2010 „Handeln und Strukturen“: Nachdem ich hier das letzte Mal die zwei Erklärungsprobleme der Soziologie erörtert habe, geht es heute quasi nochmals um die Grundlagen der Grundlagen. Im letzten Beitrag schrieb ich ständig etwas von „sozialem Handeln“. Doch was ist das eigentlich ganz genau? Wie grenzt es sich zu Handeln ab? Und was ist dann Verhalten?

Verhalten

  • Jedes „körperliche Geschehen in Raum und Zeit“ (Luckmann)
  • Verhalten kann ursächlich begründet werden, also auf bestimmte biologische, chemische oder physikalische Faktoren und Zusammenhänge zurückgeführt werden
  • Bloßes Verhalten ist für soziologische Betrachtungen oftmals unerheblich, da es keine nennenswerte Relevanz für Handeln und Strukturen hat
  • Ausnahmen: Verhalten ist soziologisch interessant, wenn
    • es zu den prägenden Bedingungen der Handlungsmöglichkeiten eines Akteurs gehört
    • das bloße Verhalten des Gegenübers auf Seite der Akteure Handeln hervorruft
    • massenhaft gleichartiges Verhalten soziale Wirkungen zeigt

Handeln

  • Weber: Handeln ist eine Spezialform von Verhalten, nämlich subjektiv sinnhaftes Verhalten
  • Mit dieser Definition gehen einige Implikationen einher, die nicht problemlos sind:
    • Aus Sicht des Akteurs muss dieser laut der Definition sein Verhalten als motiviert auffassen, damit es als Handeln gilt, vieles bleibt aber in der „Grauzone“
    • Im sozialen Zusammenleben gibt es viel weniger bewusstes Tun: zum Beispiel Routinen (bei Weber „traditionelles“ Handeln)
    • Übergang von Verhalten zu Handeln ist also fließend
    • Objektiv kaum zu unterscheiden
    • Sinn ist nach Luhmann ein Verweisungszusammenhang, der aktuelle Ergebnisse mit anderen verknüpft
    • Sinn ist also ein inner-bewusstseinsmäßiger Prozess der Selbstauslegung, der immer auch nur subjektiv ist, also nur Sinn für ein Subjekt, somit ebenfalls schwer objektiv erfassbar
  • Diese Erkenntnisse haben Einfluss auf die Unterscheidung von Verhalten, Handeln und abgeschlossener Handlung, welche nun alle als verschiedene Arten des Selbstverstehens gesehen werden können
  • Handlungsentwurf:
    • Bezieht sich subjektiv sinnhaft auf vorweggenommene Erfahrungen
    • Charakterisiert durch „Um-Zu-Motive“ (Schütz), welche aber verwoben sind mit der zurückliegenden Erfahrung
    • „Um-Zu-Motive“ sind für das Handeln konstitutiv
    • Die „Um-Zu-Motive“ sind dem Handelnden bewusst
    • Beispiel: Ich lese in meinem Soziologiebuch, um zu lernen.
  • Verhalten:
    • NICHT an in der Zukunft liegenden Erfahrung orientiert
    • Charakterisiert durch „Weil-Motive“ (welche dann auch die „Um-Zu-Motive“ erklären können)
    • „Weil-Motive“ subjektiver Ausdruck der sozialen Prägung des Handelns durch die Logik der Situation
    • „Weil-Motive“ sind dem Akteur nicht unbedingt bewusst
    • Beispiel: Ich schwimme schnell zum Ufer, weil ich glaube einen Hai gesehen zu haben.
  • Sinn des Handelns und Sinn der Handlung können unterschiedlich sein
  • Weiteres Problem: Wenn der Sinn immer nur für den Akteur subjektiv vorhanden ist, wie kann dann ein Gegenüber sicher sein, dass er den anderen versteht? Problem des Selbst- und Fremdverstehen
    • Jedes Handeln schließt ein Verhältnis von Selbst- und Fremdverstehen ein
    • Im alltäglichen Zusammenleben verstehen wir das Handeln eines anderen, weil wir uns in ihn „hineinversetzen“
    • Wir überbrücken die Unzugänglichkeit des anderen Bewusstseins durch eine generelle Unterstellung der „Reziprozität der Perspektiven“ (Schütz/ Luckmann) > dies ist nie mehr als eine Annährung
    • Fremdverstehen kann sich auch über Selbstverstehen hinwegsetzten, wenn
      • Jemanden Handeln unterstellt wird, er sich aber nur noch verhalten kann
      • Wenn laut Fremdverstehen und Selbstverstehen nach verschiedenen Motiven gehandelt wurde, aber an der Deutung des Fremdverstehen festgehalten wird
  • Wissenschaftliches Verstehen:
    • Soziologie muss Handeln „deutend verstehen“
    • Soziologie zwangsläufig eine „verstehende Soziologie“
    • Aber auch für den wissenschaftlichen Beobachter kann nicht vorausgesetzt werden, dass er wirklich versteht
    • Handeln wird also nicht auf die persönlichem Motive sondern auf zugeschriebene „Um-Zu-Motive“ zurückgeführt, welche in den Akteurmodellen dann erklärt werden

Soziales Handeln

  • Weber: Soziales Handeln ist Handeln, welches sich in seinem gemeinten Sinn auf das Verhalten anderer bezieht und daran seinen Ablauf orientiert > subjektive Sinn stellt also andere Akteure in Rechnung (geht also in die „Um-Zu-Motive“ ein
  • Diese Bezogenheit kann in zwei Arten stattfinden:
    • Ziel eine Veränderung bei dem/ der/ den anderen herbeizuführen
    • Das Handeln der anderen wird beim Entwurf des eigenen Handelns mit einkalkuliert
      • Negativ: als Störung
      • Positiv: als Unterstützung
  • Was bedeutet hier „sozial“?
    • Nicht in einem ethisch-moralischen Sinn gemeint!
    • Entscheidend allein die Ausrichtung des Handelns
    • Nur weil Handeln von sozialen Strukturen geprägt ist, muss es nicht zwangsläufig soziales Handeln sein
    • Darüber hinaus kann soziales Handeln auch einsam und einseitig sein (wobei natürlich der Übergang von einseitig zu wechselseitig nicht starr ist)

Literatur

Schimank, Uwe. Handeln und Strukturen. Einführung in die akteurtheoretische Soziologie. FernUniversität Hagen.

§ Verhalten kann ursächlich begründet werden, also auf bestimmte biologische, chemische oder physikalische Faktoren und Zusammenhänge zurückgeführt werden

§ Bloßes Verhalten ist für soziologische Betrachtungen oftmals unerheblich, da es keine nennenswerte Relevanz für Handeln und Strukturen hat

§ Ausnahmen: Verhalten ist soziologisch interessant, wenn

o es zu den prägenden Bedingungen der Handlungsmöglichkeiten eines Akteurs gehört

o das bloße Verhalten des Gegenübers auf Seite der Akteure Handeln hervorruft

o massenhaft gleichartiges Verhalten soziale Wirkungen zeigt

Handeln

§ Weber: Handeln ist eine Spezialform von Verhalten, nämlich subjektiv sinnhaftes Verhalten

§ Mit dieser Definition gehen einige Implikationen einher, die nicht problemlos sind

o Aus Sicht des Akteurs muss dieser laut dieser Definition sein Verhalten als motiviert auffassen, damit es als Handeln gilt, vieles bleibt aber in der „Grauzone“

o Intentionalität: meint nach Luckmann und Schütz die Gerichtetheit des Erlebens im Sinne einer handlungsanleitenden Bereitschaft

o Im sozialen Zusammenleben gibt es viel weniger bewusstes Tun: Routinen (bei Weber „traditionelles“ Handeln)

o Übergang von Verhalten zu Handeln ist also fließend

o Objektiv kaum zu unterscheiden

o Sinn ist nach Luhmann ein Verweisungszusammenhang, der aktuelle Ergebnisse mit anderen verknüpft

o Sinn ist also ein inner-bewusstseinsmäßiger Prozess der Selbstauslegung, der immer auch nur subjektiv ist, also nur Sinn für ein Subjekt

§ Diese Erkenntnisse haben Einfluss auf die Unterscheidung von Verhalten, Handeln und abgeschlossener Handlung, welche nun alle als verschiedene Arten des Selbstverstehens gesehen werden können

§ Handlungsentwurf:

o Bezieht sich subjektiv sinnhaft auf vorweggenommene Erfahrungen

o Charakterisiert durch „Um-Zu-Motive“ (Schütz), welche aber verwoben sind mit der zurückliegenden Erfahrung

o „Um-Zu-Motive“ sind für das Handeln konstitutiv

o Die „Um-Zu-Motive“ sind dem Handelnden bewusst

§ Verhalten:

o NICHT an in der Zukunft liegenden Erfahrung orientiert

o Charakterisiert durch „Weil-Motive“ (welche dann auch die „Um-Zu-Motive“ erklären können)

o „Weil-Motive“ subjektiver Ausdruck der sozialen Prägung des Handelns durch die Logik der Situation

o „Weil-Motive“ sind dem Akteur nicht unbedingt bewusst

§ Sinn des Handelns und Sinn der Handlung können unterschiedlich sein

§ Weiteres Problem: Wenn der Sinn immer nur für den Akteur subjektiv vorhanden ist, wie kann dann ein Gegenüber sicher sein, dass er den anderen versteht? Problem des Selbst- und Fremdverstehen

o Jedes handeln schließt ein Verhältnis von Selbst- und Fremdverstehen ein

o Im alltäglichen Zusammenleben verstehen wir das Handeln eines anderen, weil wir uns in ihn „hineinversetzen“

o Wir überbrücken die Unzugänglichkeit des anderen Bewusstseins durch eine generelle Unterstellung der „Reziprozität der Perspektiven“ (Schütz/ Luckmann) > dies ist nie mehr als eine Annährung

o Fremdverstehen kann sich auch über Selbstverstehen hinwegsetzten, wenn

§ Jemanden Handeln unterstellt wird, er sich aber nur noch verhalten kann

§ Wenn laut Fremdverstehen und Selbstverstehen nach verschiedenen Motiven gehandelt wurde, aber an der Deutung des Fremdverstehen festgehalten wird

§ Wissenschaftliches Verstehen:

o Soziologie muss Handeln „deutend verstehen“

o Soziologie zwangsläufig eine „verstehende Soziologie“

o Aber auch für den wissenschaftlichen Beobachter kann nicht vorausgesetzt werden, dass er wirklich versteht

o Handeln wird also nicht auf die persönlichem Motive sondern auf zugeschriebene „Um-Zu-Motive“ zurückgeführt, welche in den Akteurmodellen dann erklärt werden

Soziales Handeln

§ Weber: Soziales Handeln ist Handeln, welches sich in seinem gemeinten Sinn auf das Verhalten anderer bezieht und daran seinen Ablauf orientiert > subjektive Sinn stellt also andere Akteure in Rechnung (geht also in die „Um-Zu-Motive“ ein

§ Diese Bezogenheit kann in zwei Arten stattfinden:

o Ziel eine Veränderung bei dem/ der/ den anderen herbeizuführen

o Das Handeln der anderen wird beim Entwurf des eigenen Handelns mit einkalkuliert

§ Negativ: als Störung

§ Positiv: als Unterstützung

§ Was bedeutet hier „sozial“?

o Nicht in einem ethisch-moralischen Sinn gemeint!

o Entscheidend allein die Ausrichtung des Handelns

o Nur weil Handeln von sozialen Strukturen geprägt ist, muss es nicht zwangsläufig soziales Handeln sein

o Darüber hinaus kann soziales Handeln auch einsam und einseitig sein (wobei natürlich der Übergang von einseitig zu wechselseitig nicht starr ist)

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Ein Kommentar zu “Verhalten, Handeln, Soziales Handeln – Wo ist denn der Unterschied?

  1. Pingback: Soziale Beziehung « Afrika Wissen Schaft

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