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SoSe2010 „V.Y. Mudimbe: Philosoph, Literat und Kultutheoretiker“: 1976  erscheint Mudimbes Roman „Le Bel Immonde“ , 1982 erscheint der Roman auf deutsch unter dem Titel „Auch wir sind schmutzige Flüsse“. In unserem Seminar haben wir den Roman gelesen (die meisten inklusive mir auf deutsch) und jede von uns hat sich mit einem bestimmten Aspekt auseinander gesetzt (ich mit Gender). Ich fasse hier einige Erkenntnisse zusammen.

Kurze Inhaltsangabe

Zu erst eine kurze Inhaltsangabe, da ich davon ausgehe, dass die meisten das Buch nicht kennen. (Das sollte man aber unbedingt nachholen. Ich hoffe ich kann hier zeigen, dass es sich lohnt. 😉 ). Interessant macht den Roman, dass man ihn sowohl als Liebesroman als auch als politischen Roman lesen kann.

Der Roman spielt 1964 in Kinshasa. Im Mittelpunkt steht eine Prostituierte, die gemeinsam mit ihrer Freundin lebt. Sie selbst nennt sich Ya, was Schwester bedeutet. Einer ihrer Kunden ist ein einflussreicher Politiker, ein Minister. Dieser verliebt sich in Ya, doch sie hat sich in dieser Zeit gerade dazu entschieden mit ihrer Freundin allein ihr Leben zu gestalten und trennt sich von ihm. Doch dann dringen einige Rebellen aus Ya’s Heimatdorf in die Wohnung von Ya und ihrer Freundin ein, bedrohen sie und überzeugen sie, dass sie wieder mit dem Politiker zusammen kommen soll, um ihn auszuspionieren. Sie beugt sich also und geht zurück zu ihm. Der Minister, der zeitgleich auch politisch in Frage gestellt wird, lässt die Freundin Ya’s bei einem Ritual, welches ihm Einfluss sicher soll, töten. Auf sich gestellt bleibt Ya bei dem Minister und manchmal scheint es, als würde sie auch etwas für ihn empfinden, doch immer wieder wird sie von Rebellen aufgesucht. Letztendlich wird wird der Politiker bei einer Reise außerhalb Kinshasas in seinem Auto getötet. Was genau geschehen ist, erfahren wir nicht. Ya wird venommen, aber man kann ihr nicht nachweisen. Am Ende des Buches kehrt sie in eben jene Bar als Prostituierte zurück, wo sie begonnen hatte.

Erzählstruktur

Mit seinem Roman brach Mudimbe in den 1970ern mit der in der Zeit vorherrschenden afrikanischen Erzählweise. Sein Roman lässt sich eher mit dem „nouveau roman“ vergleichen. Der Orginaltitel „Le Bel Immonde“ ist ein Oxymoron.

Die Geschichte wird nicht-parallel erzählt (anachron). Das heißt, dass die Ereignisse nicht immer in der Reinfolge erzählt werden in der sie passieren. Mudimbe so zum Beispiel auf Rückblenden zurück. Der Großteil der Geschicht wieder aber chronologisch wiedergegeben. Mudimbe greift als stilistisches Mittel auch auf Ellipsen zurück, er lässt also Teile der Erzählung aus. Die Frequenz ist aber singulativ, jedes Ereignis wird nur einmal erzählt.

Wie ist der Modus der Erzählung? (Der Modus beschreibt die Distanz zwischen Erzähler und Person.) Mudimbe verwendet eine variable, interne Fokalisierung. Es wird also aus den Blickwinkeln verschiedener Personen (Ya, der Minister) erzählt, wobei Dinge, die die Person nicht weiß, auch nicht erzählt werden.

Mudimbe nutzt eine Vielzahl von „Erzählerpositionen“: homodiegetisch (Erzähler ist Nebenfigur der Handlung), autodiegetisch (Erzähler ist Protagonist der Handlug) und heterodiegetisch (Erzähler kommt in der Handlung nicht vor).

Immer wieder taucht eine „Du“-Perspektive auf. Hierbei handelt es sich um eine Innenperspktive, -reflexion von Ya.

Das Setting habe ich ja bereits erwähnt: Kinshasa im jahr 1964. Hier handelt es sich also um eine postkoloniale Situation.

Genschlechterrollen und Sexualität

Figur der Ya

Ya verlässt ihr Heimatdorf, um dem traditionellen Rollenbild zu entkommen. Anstatt zu heiraten und Kinder zu bekommen, möchte sie erstmal studieren. Sie beginnt auch ein Studium, doch scheint sie dieses zu Beginn des Romans aufgegeben zu haben. Besonders bemerkenswert ist, dass sie in einer homosexuellen Beziehung lebt, da Homosexualität in afrikanischen Romanen so gut wie inexistent ist. Hier wird die Beziehung sogar positiv beleuchtet und als etwas ganz normales betrachtet. Doch mit dem Tod ihrer Geliebten und dem Druck der Rebellen fügt sich Ya in ein traditionelles Frauenbild in der Beziehung zum Minister, auch wenn sie diese eingeht, um ihn auszuspitzeln. Ya’s Grundbestreben bleibt aber das nach Freiheit. Auch wenn sie am Ende wieder als Prostituierte arbeitet, scheint sie doch unabhängiger zu sein als zu Beginn der Geschichte, sie scheint gewachsen zu sein, an den Ereignissen.

Sexualitäten

Mudimbe stellt in seinem Roman verschiedene Sexualitäten dar. Zu erst ist da die homosexuelle Beziehung, welche er sehr zärtlich darstellt. Aber im Laufe der Geschichte wird klar, dass auch diese Beziehung nicht frei ist von Machtstrukturen, Besitzdenken und Konflikten. Die heterosexuelle Beziehung zwischen Ya und dem Minister wird allerdings von Beginn an als von Macht geprägt gezeigt, dies wird durch das sehr traditionelle Frauenbild des Ministers verstärkt. Zu Beginn des Romans wird in der Bar außerdem ein Mann beschrieben, der in Frauenkleider erschien.

Abschließende Gedanken

Das Frauenbild (entweder „Mutter“ oder „Hure“) scheint beim Minister wie bei den Rebellen sehr ähnlich zu sein. Dies könnte auch ein Grund sein, warum Ya sich weder konkret auf die eine noch auf die andere Seite stellt: Für ihre persönliche Freiheit bedeuten beide Seite das gleiche. Allerdings muss man anmerken, dass die Rebellen in ihrem Kampf auch Frauen höhere Positionen ermöglichten. In dem Roman wird auch eine Rebellin im Parlament befragt. Ihre starke Position verunsichert die anwesenden Männer sehr und führt zu „verstärkt männlichem Verhalten“. (Zur Rolle der Frau in einer Befreiungsarmee empfehle ich überings ganz stark den Film „Flame„).

Natürlich kann man zu dem Roman noch viel mehr sagen. So haben wir auch etwas über das Motiv der Macht gesprochen. Ich belasse es aber jetzt erstmal bei diesen Ausführungen. 🙂

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Ein Kommentar zu “„Auch wir sind schmutzige Flüsse“ – Analyse eines Romans

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