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SoSe2010 „Stirbt der Staat in Afrika“: Die erste inhaltliche Sitzung des Seminars “Stirbt der Staat in Afrika?” stand unter dem Motto „Staat und Staatlichkeit in Afrika 1: Vorgeschichten“. Zur Vorbereitung lasen wir zwei Kapitel von Jeffrey Herbst. Das erste befasst sich mit Macht und Raum im vorkolonialen Afrika. Das zweite Kapitel  stellt dar, wie die Europäer mit den gegeben Umständen umgingen und welche Staatskonzepte sie mitbrachten.

Jeffrey Herbst wird im Sommer Präsident der Colgate Universität, Hamilton, New York. Er ist Politologe und befasst sich vordergründig mit Politik in den Staaten Afrikas südlich der Sahara. Sein Buch “States and power in Africa: comparative lessons in authority and control” gewann den Gregory Luebbert Best Book Award von der Comparative Politics Section der American Political Science Association

Bevor ich knapp die beiden Kapitel zusammenfasse, möchte ich mich kurz dem wichtigsten Begriff der Sitzung widmen.

Staat: Was ist eigentlich ein Staat? Wenn man das Wort hört, scheint zuerst jeder zu wissen, um was es sich handelt. Doch ist eine Definition gefragt, wird es wage, ungenau und stockend. Dies könnte unter anderem daran liegen, dass es eine Vielzahl von Definitionen gibt, von denen wiederum die meisten stark eurozentrisch sind. So könnte man unter anderem einen Staat als politische Vereinigung von Menschen in einem bestimmten Territorium unter einer bestimmten, festgesetzten Herrschaftsform verstehen. Die weitverbreitete Vorstellung, dass es im vorkolonialen Afrika keine Staaten gab, ist eng an das europäische Staatsverständnis gekoppelt. Mehr jetzt in der Zusammenfassung:

Power and Space in Precolonial Africa

In diesem Kapitel, dem zweiten des Buches, erläutert Herbes, dass auch im vorkolonialen Afrika die Herrscher darauf zielten möglichst viele Menschen unter ihre Gewalt zu bekommen (wie auch in den anderen Regionen der Welt). Er stellt aber auch fest, dass Machterweiterung und –konsolidation in Afrika andere Voraussetzungen hatte als in Europa. Bei seiner Analyse fokussiert er sich auf das Thema Territorialität und die Frage, wie vorkoloniale Herrscher Afrikas Grenzen begriffen.

Herbst kommt zu dem Ergebnis, dass eine Kostenkalkulation vorkoloniale Herrscher dazu angetrieben hat formal nur ein Kerngebiet zu kontrollieren. Dieses Kerngebiet konnte nur einen kleinen Prozentsatz des Gesamtterritoriums betragen, über welches sie mindestens einen gewissen Anspruch hatten. Die Kosten die Macht auch formal weiter zu verfestigen wäre nach Herbst mit verhältnismäßig zu hohen Kosten verbunden gewesen. Dafür nennt er verschiedene Gründe:

  • Die physische Geografie Afrikas und fehlende Technologien, diese zu bewältigen
  • Geringe Bevölkerungsdichte (die es auch nicht immer lohnend machte, bestimmte Gebiete überhaupt zu erschließen)
  • Leichte Möglichkeit für Abwanderung – Aufgrund der Bevölkerungsdichte war es in Afrika einfacher einem unbeliebten Herrscher einfach „aus dem Weg zu gehen“

Neben den hohen Kosten sieht Herbst einen weiteren Grund in den Staatssystemen Afrikas und der Nichtnotwendigkeit von genauen Grenzen. Er argumentiert, dass durch den Fokus auf den Kern des Staates, den Herrscher nicht alle Vorgänge in der Peripherie des Staates tangiert haben.

Im Seminar haben wir Herbst Modell des vorkolonialen afrikanischen Staates skizziert. Ich habe versucht das Modell hier nachzuempfinden:

Kernsystem nach Herbst

Leider erkennt man hier die Schrift nicht allzu gut. In der Mitte steht „Z“, welches hier für Zentrum/Kern steht. Im zweiten Kreis steht „Herrschaft E++“, im dritten „Einfluss E+“ und im äußersten „Allianz E-„. „E“ steht in dem Modell für Einfluss. Die + und – Zeichen sollen die Stärke des Einflusses symbolisieren.

Herbst schließt das Kapitel mit der Bemerkung, dass die Änderungen im 19. Jahrhundert unter stärker werdenden äußeren Einfluss annehmen lassen, dass sich die afrikanischen Staaten noch grundlegend geändert hätten. Doch die Kolonisation konfrontierte die Afrikaner mit den Europäern, welche eine vollkommen andere Konzeption von Macht und Staat hatten.

Anzumerken bleibt, dass Herbst ein sehr homogenes Bild zeichnet. Dem gegenüber stehen aber auch andere Staatsformen im vorkolonialen Afrika. So gab es ebenfalls zentralisierte Königreiche wie Old Oyo oder Buganda. Darüber hinaus fanden auch  Grenzkriege statt, beispielsweise zwischen Buganda und Bunyoro.

The European and the African Problem

In diesem Kapitel beschäftigt sich Herbst mit der Kolonisierung Afrikas durch die Europäer. Dabei beschreibt er gleich zu Beginn die „schizophrenic nature of colonial power in Africa“ (Herbst 2000, S.58). Damit meint er, dass die Europäer auf der einen Seite einen tiefgreifenden Einfluss hatten, aber er auf der anderen Seite eine lückenhafte und sehr differenziert wahrzunehmende Herrschaft über Afrika sieht.

Herbst stellt fest, dass auch für die Europäer die Ausdehnung der Macht über die Städte hinaus immer noch extrem kostenaufwendig war. Entgegen ihrer eigentlichen Auffassung von Herrschen gelang es ihnen also auch nicht die Kostenstruktur grundlegend zu ändern. Stattdessen verfügten sie über wirkliche formale Macht in den Städten, die Autorität in der Peripherie variierte aber stark. Somit ähnelte sich das koloniale System in einigen Punkten den vorkolonialen Staaten. Trotzdem gelang es den Europäern, dadurch dass sie über die Grenzen verhandelt hatten und diese mit der Zeit festgesetzt wurden, frei von Konkurrenz interne administrative Strukturen zu schaffen. Sie schafften aber eher Territorialstaaten anstatt von Nationalstaaten, wie sie in Europa geläufiger waren/sind.

Literatur:

Herbst, Jeffrey (2000), States and power in Africa: comparative lessons in authority and control (Princeton: Princeton University Press), 33-95

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