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SoSe2010 „Geschichte der Strafe in Afrika“:Diese Woche haben wir im Seminar „Geschichte der Strafe in Afrika“ dort weitergemacht, wo wir letzte Woche geendet hatten: Foucault und das Gefängnis. Zur Vorbereitung hatten wir ein Interview mit Foucault gelesen, in welchem er seine Kernthesen aus „Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses“ darlegt, so wie eine Besprechung des Buches durch David Garland, der neben einer Zusammenfassung auch eine umfassende Kritik beiträgt. (Literaturangaben sind am Ende des Beitrags)

Foucaults Werk von 1975 beschäftigt sich (wie der Titel unschwer zu erkennen gibt) mit der Entstehung und Durchsetzung des Gefängnisses als monopolistische Strafform in Europa, wobei sich Foucault bei seinen Ausführungen vor allem auf Frankreich bezieht. Foucault stellt zu Beginn des Buches zwei Beispiele für Strafe gegenüber: auf der einen Seite wird die öffentliche Marter und Exekution Damiens von 1757, der auf Ludwig XV einen erfolglosen Mordanschlag verübt hatte, blutig detailiert beschrieben, auf der anderen Seite präsentiert er einen sachlichen Zeitplan, wie er in einer Besserungsanstalt etwa 80 Jahre später in Paris genutzt wurde. Foucault fragt sich nun in seinem Werk, wie es zu diesem Wandel gekommen ist und warum sich das Gefängnis, obwohl es nie „geliebt“ wurde, durchsetzen konnte und kann. Dazu stellt er das Strafsystem in einen weiteren ökonomischen und gesellschaftlichen Kontext. Für Foucault sind die neuen Strafmechanismen Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Disziplinierungssystems. Das Gefängnis (mit seinen Praktiken der Kontrolle und der aktiven Steuerung der Menschen) ist hier nur ein Beispiel. Foucault sieht gleiche Mechanismen in Schulen, Fabriken etc. Für ihn macht dies die neue Verbindung zwischen Wissen und Macht deutlich. So analysiert  er die Veränderungen hinsichtlich zu Grunde liegender Machtstrukturen. Beispielsweise: Wo im „alltäglichen“ Diskurs Resozialisierung, Strafe und Abschreckung als Gründe für das Gefängnis genannt werden, erklärt Foucault ihr Bestehen damit, dass sie zum Machterhalt einer herrschenden Klasse beitragen.

Im Seminar haben wir in einer Tabelle grob, die Unterschiede zwischen Souveränitätsmacht (vor Einführung der Gefängnisse) und Disziplinarmacht (seit Einführung der Gefängnisse) herausgerarbeitet. Zum Nachvollziehen:

Souveränitätsmacht und Dizsiplinarmacht

Für Interessenten habe ich eine noch ausführlichere Tabelle hier gefunden.

Die Kritikpunkte, die Garland diskutiert, möchte ich hier nur kurz in Stichpunkten darstellen. Eine weiter Ausführung würde zum einen an sich schon den Rahmen sprengen, zum anderen aber auch eine viel ausführlichere Darlegung von Foucaults Punkten erfordern. (Hier im Blog kann ich erstmal nur Anreißen und Tipps zum Weiterlesen geben.) Also Garlands Kritikansätze:

  • Foucaults Verständnis von Macht und seine Grundannahmen von Macht
  • die historischen Darlegungen
  • die Konzeption von Strafe

Doch trotz vieler fundamentalen Kritiken, die Garland beleuchtet (er beschreibt die verschiedenen Diskurse innerhalb der ersten 10 Jahre nach dem Erscheinen), hält er „Überwachen und Strafen“ für ein ganz besonderes und auch gelungenes Werk. Ich denke auch, dass viele Gedankengänge und Argumentationslinien Foucaults interessant sind. Beim Lesen ist es sicher noch hilfreich zu wissen, dass Foucault sich seit Anfang der 1970er aktiv bei der in der Groupe d´information sur les prisons, G.I.P. (Gruppe Gefängnisinformation) engagierte. Diese setzte sich dafür ein, dass Gefangene in den französischen Gefängnissen die Möglichkeit bekommen sollten, ihre Situation in der Öffentlichkeit darzustellen.

Ich bin nun erstmal gespannt auf nächsten Montag, wenn wir uns damit beschäftigen werden, ob Foucaults Thesen auch in/ für Afrika von Bedeutung sind.

Zugrundeliegende Literatur:

Foucault, Micehl, Das Gefängnis aus Sicht eines französischen Philosophen, Gespräch mit F. Scianna [1975], in: Foucault, Michel. Schriften in vier Bänden. Bd. 2.: 1970-1975. Hg. v. Daniel Defert, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, 895-902.

Garland, David, 1986 „Foucault’s Discipline and Punish: An Exposition and Critique“, in: The American Bar Foundation Research Journal (Law and Social Inquiry), 1986, No.4, 847-880.

Weiterführende Literatur und Link

Sarasin, Philipp. Michel Foucault zur Einführung. 2005. Hamburg: Junis.

Material der TU Dresden.

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Ein Kommentar zu “Foucault, das Gefängnis & die Disziplinierung Europas

  1. Pingback: Zusammenfassung: Geschichte der Strafe in Afrika (20. Jahrhundert) « Afrika Wissen Schaft

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